Ein Hund ist kein Etikett

Dossier · Ausgabe 01 · Persönliche Reflexion

Ein Hund ist kein Etikett

Dott. Vito Branco, DVM, hat den Essay «Wir glauben zu messen, was wir nur interpretieren» von Tanino Gaetano Chiavaro vor der Veröffentlichung gelesen, fachlich kommentiert und sein Einverständnis gegeben. Dazu hat er diese persönliche Reflexion geschrieben.

Von Dott. Vito Branco, DVM

Dott. Vito Branco, DVM
Dott. Vito Branco, DVM

Der Essay meines Freundes Tanino Gaetano Chiavaro behandelt eine Frage, die ich in der Kynologie für grundlegend halte und die für alle, die sich mit Tiermedizin, Zucht und Selektion befassen, besondere Aufmerksamkeit verdient. Wie viel wissen wir wirklich über das Verhalten eines Hundes, und wie viel von unseren Urteilen entsteht aus der Deutung dessen, was wir beobachten?

Es lohnt sich, bei dieser Frage zu verweilen, denn sie stellt uns vor die Grenzen unseres Wissens und vor die Verantwortung, die wir jedes Mal tragen, wenn wir ein Tier beurteilen.

In meiner beruflichen Erfahrung habe ich immer wieder festgestellt, wie leicht ein beobachtetes Verhalten zu einer dauerhaften Eigenschaft des Tieres gemacht wird. Ein Zögern wird zu Unsicherheit, eine Abwehrreaktion wird als Aggressivität bezeichnet, eine ausbleibende Reaktion als Unfähigkeit gedeutet. Dabei können hinter diesen Äusserungen körperliche Zustände, Schmerz, Erschöpfung, frühere Erfahrungen, Gefühlszustände oder eine unterschiedliche Verarbeitung von Reizen stehen.

Bevor wir einem Verhalten eine Bedeutung geben, sollten wir deshalb versuchen, die Umstände zu verstehen, unter denen es sich gezeigt hat. Dieser Grundsatz gehört zur klinischen Medizin ebenso wie zur Erforschung des tierischen Verhaltens.

In der tierärztlichen Praxis wissen wir genau, dass kein Messwert für sich allein gedeutet werden sollte. Eine erhöhte Herzfrequenz, eine veränderte Cortisolkonzentration oder ein abweichender Blutwert bekommen erst dann eine Bedeutung, wenn man sie im gesamten körperlichen und klinischen Bild des Tieres betrachtet. Ich sehe nicht, warum wir einen anderen Massstab anlegen sollten, wenn wir das Verhalten eines Hundes beurteilen, und einer einzelnen Reaktion den Wert einer festen Eigenschaft seines Wesens zuschreiben.

Ein weiterer Punkt, bei dem ich verweilen möchte, betrifft Genetik und Selektion, Themen, mit denen ich auch durch meine Erfahrung in der Zucht besonders verbunden bin.

Wir wissen, dass zahlreiche Verhaltensmerkmale einen erblichen Anteil haben, manchmal einen beträchtlichen. Das heisst aber nicht, dass ihre Ausprägung genetisch vorbestimmt ist. Die Erblichkeit drückt aus, welcher Anteil der Unterschiede in einem Merkmal, beobachtet in einer bestimmten Population und unter den untersuchten Bedingungen, auf genetische Unterschiede zwischen den Tieren zurückgeht. Sie sagt uns nicht, welcher Anteil des Verhaltens eines einzelnen Hundes von seinen Genen abhängt.

Diese Unterscheidung ist wesentlich, und sie wird viel zu oft übersehen.

Das Erbgut trägt dazu bei, die Anlagen des einzelnen Tieres festzulegen. Wie sie sich entwickeln und zeigen, hängt aber auch von der Umwelt ab, vom Lernen, von den Erfahrungen und von den Bedingungen, unter denen das Tier aufwächst und lebt.

Und genau hier liegt meiner Meinung nach eine der grössten Verantwortungen des Züchters.

Selektieren heisst nicht, einfach die Tiere auszuwählen, die in einer Prüfung die besten Punkte erreichen. Es heisst, die Gebrauchseigenschaften zu kennen, die man erhalten will, ihre Beständigkeit zu beurteilen, ihren erblichen Anteil so weit wie möglich zu verstehen und die Anlagen des einzelnen Hundes von den Leistungen zu unterscheiden, die er durch Ausbildung erworben hat.

Sonst laufen wir Gefahr, die Zucht auf Hunde auszurichten, die bestimmte Prüfungen immer besser bestehen, ohne zu wissen, wie weit diese Leistungen tatsächlich die Qualitäten abbilden, die in der echten Arbeit gebraucht werden.

Über diese Gefahr sollte die Kynologie, vor allem jene der Gebrauchs- und Arbeitshunderassen, sorgfältiger nachdenken.

Das heisst selbstverständlich nicht, den Nutzen von Verhaltensbeurteilungen zu bestreiten. Tests bleiben wichtige Werkzeuge und können wertvolle Informationen liefern, wenn sie richtig aufgebaut und eingesetzt werden. Man muss aber ihre Zuverlässigkeit, ihre Gültigkeit und vor allem die Grenzen ihrer Vorhersagekraft kennen.

Ein Test kann wiederholbare Ergebnisse liefern, ohne unbedingt das zu messen, was wir beurteilen wollen. Und selbst wenn er eine bestimmte Verhaltensreaktion richtig misst, dürfen wir nicht voraussetzen, dass sich dieselbe Reaktion unter anderen Bedingungen zeigt.

Die Zuverlässigkeit einer Messung, die Gültigkeit der Schlüsse, die wir daraus ziehen, und die Fähigkeit, ein künftiges Verhalten vorherzusagen, sind verschiedene Dinge. Wer sie verwechselt, schreibt den Ergebnissen einen Wert zu, den sie möglicherweise nicht haben.

Die Folgen eines solchen Fehlers können alles andere als gering sein. Denken wir an Entscheidungen in der Zucht, an den Ausschluss eines Tieres aus der Selektion, an den Weg der Ausbildung, an Eignungsurteile und, in den heikelsten Fällen, an Entscheidungen, die das Wohl und die Zukunft eines Hundes gefährden können.

Vor allem deshalb halte ich die Überlegungen von Chiavaro für wichtig. In seiner Arbeit erkenne ich die Aufforderung, mit mehr Vorsicht zu beurteilen, Erfahrung nicht mit Unfehlbarkeit zu verwechseln und daran zu denken, dass auch das Urteil einer kompetenten Fachperson diskutiert und überprüft werden können muss.

Erfahrung ist eine ausserordentliche Quelle, aber allein genügt sie nicht. Sie muss sich ständig an der wissenschaftlichen Methode messen, so wie ein Zahlenergebnis nicht die Kenntnis des Tieres und der Umstände ersetzen kann, unter denen es zustande gekommen ist.

Was mich betrifft, haben mich die Jahre des Studierens, Beobachtens und Arbeitens mit Hunden gelehrt, dass die naheliegendste Antwort nicht immer die richtigste ist. Manchmal muss man noch einmal hinschauen, verschiedene Situationen vergleichen, einen ersten Eindruck überdenken und zugeben, dass die vorhandenen Angaben keinen endgültigen Schluss erlauben.

Diese Vorsicht halte ich nicht für ein Zeichen fachlicher Unsicherheit. Ich halte sie vielmehr für eine Form von Verantwortung.

Ein Hund ist nicht das Ergebnis einer Prüfung, eine Punktzahl oder ein Etikett für sein Wesen. Er ist ein biologisch vielschichtiges Lebewesen, in dem Erbgut, Körper, Umwelt und Erfahrung ein Leben lang zusammenwirken.

Deshalb glaube ich, dass unsere Verantwortung nicht darin liegt, immer strengere Urteile zu fällen, sondern zu lernen, immer besser begründete Einschätzungen abzugeben, im Bewusstsein dessen, was wir belegen können und was nur eine Annahme bleibt.

Ein Verhalten zu beobachten ist das eine. Seine Bedeutung zu verstehen, seine möglichen Ursachen zu erkennen und vorherzusagen, wie es sich unter anderen Umständen zeigt, ist eine weit schwierigere Aufgabe.

Sie verlangt Wissen, Erfahrung, wissenschaftliche Strenge und auch eine gewisse intellektuelle Bescheidenheit: jene, die uns erlaubt, unsere Grenzen zu erkennen, ohne darauf zu verzichten, nach Antworten zu suchen.

Denn letztlich beginnt der Respekt, den wir einem Hund schulden, auch hier: bei der Fähigkeit, ihn so zu verstehen, wie er sich wirklich zeigt, ohne zu verlangen, dass jedes unserer Urteile eine endgültige Wahrheit sei.

Dott. Vito Branco, DVM

Tierarzt. Spezialisierungen (Italien): Infektionskrankheiten, Prophylaxe und Veterinärpolizei; Tierernährung; Tierzucht und genetische Verbesserung

Aus dem Italienischen übersetzt. Massgebend ist das italienische Original.

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