WIR GLAUBEN ZU MESSEN, WAS WIR NUR INTERPRETIEREN

Die Illusion der objektiven Hundebewertung. Ein Essay aus vier Jahrzehnten Praxis.

Ein junger Gebrauchshund steht auf dem Platz. Der Helfer tritt hervor, der Reiz kommt plötzlich, so wie es die Prüfung vorsieht. Der Hund zögert einen Moment. Dann fängt er sich, arbeitet weiter und führt die Übung zu Ende.

Das Ergebnis: nicht bestanden. Begründung: Unsicherheit.

Einige Wochen später arbeitet derselbe Hund im Einsatz. Lärm, Zeitdruck, nichts ist vorhersehbar. Der Hund bleibt stabil und liefert.

Diesen Ablauf habe ich in vierzig Jahren mehr als einmal gesehen. Ich habe Hunde erlebt, die in der Prüfung unsicher wirkten und im Lawineneinsatz unerschütterlich waren. Und Hunde, die jede Übung sauber zeigten und im ersten echten Einsatz zusammenbrachen.

An der Veranlagung des Hundes muss sich zwischen Prüfung und Einsatz nichts geändert haben. Geändert hatten sich die Lage und die Art, wie sein Verhalten gelesen wurde.

Daraus ist ein Satz geworden, der mich nicht mehr loslässt: Wir glauben zu messen, was wir nur interpretieren.

Dieser Essay denkt diesen Satz zu Ende. Ich zeige dir, an welcher Stelle aus einer Beobachtung ein Urteil wird, was die Forschung über Wesenstests weiss und was sie nicht weiss, und was daraus für Zucht, Kauf und Behörden folgt. Wo ich etwas belege, nenne ich die Quelle. Wo ich folgere, sage ich es.

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